Führung unter Druck: Warum es nie von selbst ruhiger wird

Führung unter Druck: wichtige Gespräche nicht aufschieben

„Ich melde mich, wenn es etwas ruhiger ist.“ Diesen Satz höre ich in fast jedem zweiten Erstgespräch mit Geschäftsführer:innen. Führung unter Druck sieht bei vielen ganz ähnlich aus: der Kalender ist voll und das eigentlich wichtige Gespräch wird verschoben, bis eine ruhigere Phase kommt. Thomas hat mir diesen Satz vor einem halben Jahr gesagt. Vor drei Wochen haben wir endlich weitergesprochen. Ruhiger ist es bei ihm in dieser Zeit kein einziges Mal geworden. Verschoben haben sich nur die Prioritäten. Erst kam ein neues Projekt dazwischen. Dann ein Konflikt im Führungsteam, der plötzlich eskalierte. Mittendrin ein Kunde, der ohne Vorwarnung viel Aufmerksamkeit brauchte. Sechs Monate, in denen der Kalender voll war und das eigentlich wichtige Gespräch trotzdem nie stattfand. Führung unter Druck: der Satz, den ich am häufigsten höre In vielen Jahren Arbeit mit Geschäftsführer:innen und Führungskräften taucht eine Formulierung immer wieder auf, fast wortwörtlich. „Ich melde mich, wenn es ruhiger ist.“ Gemeint ist damit meistens ein Gespräch, das eigentlich längst fällig wäre. Mit einem Mitarbeiter, mit dem es nicht mehr passt. Mit einem Geschäftspartner, bei dem sich die Zusammenarbeit spürbar verschoben hat. Oder mit sich selbst, über die eigene Erschöpfung. Der Satz klingt vernünftig. Erst die akute Lage stabilisieren, dann das Grundsätzliche klären. Das Problem zeigt sich erst später. Die akute Lage stabilisiert sich nie ganz. Sie wechselt nur ihr Gesicht. Was bei Thomas wirklich passiert ist Thomas führt ein Unternehmen mit über vierzig Mitarbeitenden. Beim ersten Gespräch ging es um einen Konflikt in seinem Führungsteam, der ihn spürbar Kraft kostete. Er wusste genau, was zu tun wäre. Er wollte es nur zu einem besseren Zeitpunkt tun. Diesen Zeitpunkt gab es nicht. Zwischen dem ersten und dem zweiten Gespräch lag ein halbes Jahr, in dem sich sein Terminkalender ständig neu gefüllt hat. Kaum leerte sich eine Stelle, kam die nächste Dringlichkeit nach. Verändert hat sich dabei nicht seine Arbeitsbelastung. Die blieb konstant hoch. Verändert hat sich, wie lange er bereit war, mit dem ungelösten Konflikt zu leben. Vor drei Wochen hat er sich gemeldet. Nicht weil endlich Ruhe eingekehrt war. Weil er selbst entschieden hat, nicht länger zu warten. Warum „ruhiger“ keine Frage des Kalenders ist Viele Führungskräfte hoffen aufs Sommerloch. Auf die eine ruhige Phase im Jahr, die endlich Platz schafft für das, was liegen geblieben ist. Diese Phase gibt es in einem funktionierenden Unternehmen selten. Und wenn sie kommt, füllt sie sich meistens von selbst, mit genau den Aufgaben, die während der hektischen Monate aufgeschoben wurden. Ruhiger ist also kein Zustand, der irgendwann von außen eintrifft. Es ist eine Entscheidung, die mitten im Trubel getroffen wird. Nicht weil der Trubel aufhört. Weil an einem bestimmten Punkt klar wird: er wird nicht von selbst aufhören. Bei Thomas kam dieser Punkt nach sechs Monaten. Bei anderen kommt er nach zwei Jahren. Manche warten so lange, bis eine Kündigung oder der eigene Körper die Entscheidung für sie trifft. Der Unterschied zwischen Warten und Entscheiden Zwischen Warten und Entscheiden liegt ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Wer wartet, gibt die Kontrolle über den Zeitpunkt ab. Die Verantwortung bleibt zwar bei der Geschäftsführung. Die Entscheidung darüber, wann gehandelt wird, überlässt man aber äußeren Umständen. Einem ruhigeren Quartal. Einem freien Nachmittag. Einer Stimmung, die von selbst passt. Wer entscheidet, nimmt diesen Zeitpunkt selbst in die Hand, auch wenn im Hintergrund weiterhin andere Themen brennen. Das ist unbequemer. Es fühlt sich zu Beginn nicht nach dem richtigen Moment an, weil das Gefühl von Kontrolle über die eigene Zeit erst entsteht, nachdem man begonnen hat. Genau das war bei Thomas der Wendepunkt. Nicht ein ruhigerer Kalender. Eine Entscheidung mitten im vollen Kalender. Was in der Zwischenzeit im Team passiert Während eine Führungskraft auf den passenden Moment wartet, merkt das Team meistens schon lange, dass etwas ansteht. Ein ungeklärter Konflikt im Führungsteam bleibt selten unsichtbar. Er zeigt sich in Umwegen. In Entscheidungen, die auf Eis liegen. In Meetings, die diplomatisch um ein Thema herumreden. In einer Stimmung, die spürbar angespannter wird, als sie sein müsste. Für das Team fühlt sich das lange Warten der Führungskraft oft nicht nach Geduld an, sondern nach Unsicherheit. Wer nicht weiß, woran er ist, füllt die Lücke selbst mit Vermutungen, meistens mit den unangenehmeren. Genau das war auch bei Thomas Teil des Gesprächs. Nicht nur er hatte unter dem ungelösten Konflikt gelitten. Sein Führungsteam hatte sechs Monate lang mit der Unsicherheit gearbeitet, ohne dass sie je offen angesprochen wurde. Woran du erkennst, dass du auf den falschen Moment wartest Drei Fragen helfen, den eigenen „Ich melde mich, wenn…“-Satz zu erkennen, bevor er zur Gewohnheit wird. Worauf wartest du eigentlich genau? Auf ein konkretes Ereignis oder auf ein diffuses Gefühl von Ruhe, das sich schwer benennen lässt. Wie lange schiebst du das Thema schon vor dir her? Wochen fühlen sich anders an als Monate. Sechs Monate wie bei Thomas verändern oft schon, wie ein Team über seine Führungskraft denkt. Was würde passieren, wenn du in den nächsten zwei Wochen entscheidest, ohne auf eine ruhigere Phase zu warten? Meistens ist die Antwort weniger dramatisch als die Vorstellung davon. Wenn du wissen willst, wo dein Druck herkommt Der Selbstcheck „Führst du oder hältst du gerade nur alles zusammen?“ zeigt in etwa fünf Minuten ein persönliches Muster auf, inklusive erster Impulse direkt per E-Mail. → Hier geht`s zum Führungs-Selbstcheck Häufige Fragen Warum schieben Geschäftsführer:innen wichtige Gespräche auf?Meistens nicht aus Konfliktscheu allein, sondern weil die akute Lage ständig neue Dringlichkeiten produziert. Das Aufschieben fühlt sich in dem Moment wie eine vernünftige Priorisierung an und wird trotzdem zur Gewohnheit. Gibt es wirklich nie eine ruhigere Phase?In den meisten eigentümergeführten Unternehmen selten in der Form, die man sich erhofft. Selbst das Sommerloch füllt sich oft mit dem, was während des Jahres liegen geblieben ist. Was hilft, wenn man selbst in diesem Muster steckt?Der erste Schritt ist, das eigene Warten als Entscheidung zu erkennen und nicht als Zufall. Danach lässt sich der Zeitpunkt für das nötige Gespräch bewusst wählen, auch mitten im Trubel. Ist das ein Zeichen von schlechter Führung?Nein. Es ist ein Muster, das fast jede Führungskraft mit hoher

Eigene Konfliktmuster durchbrechen – ist das möglich?

Wie reagieren Sie, wenn Sie in einer herausfordernden Situation gefangen sind? Ein Konflikt versetzt unseren Körper in eine starke Stresssituation. Wenn das Gehirn Stress erfährt, gibt es evolutionsbedingt drei Möglichkeiten aus dieser Gefahrensituation herauszukommen…

© Mag. Eva Schrotter / designed @estivestudio